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Schule allgemein

Blogparade: Lehrer von morgen heute denken.

Anlass

Nach mehreren Diskussionen mit Tom Mittelbach und Karl Berstein über die Lehrerrolle, -ausbildung und -arbeitsbedingungen haben wir beschlossen über dieses stets aktuelle Thema zu bloggen und möglichst viele Beiträge zu sammeln, um diesbezüglich ein breites Meinungsbild zu erhalten. Daher hoffen wir, dass sich viele Kolleginnen und Kollegen der Blogparade anschließen und die drei folgenden Fragen beantworten:

(Natürlich kann man die Fragen im Kontext einer veränderten bzw. digitalisierten Welt diskutieren. Muss man aber nicht zwingend. Ich bin überzeugt, dass es auch Änderungen des Lehrerdaseins bedarf, die abseits der Digitalisierung neu gedacht werden sollten.)

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Text nur die männliche Form verwendet. Gemeint ist stets sowohl die weibliche als auch die männliche Form.

1.) Was sollte ein guter Lehrer morgen leisten können?

Seitdem ich den YouTube-Beitrag von Axel Krommer gesehen habe, beschäftigt mich die Frage, ob dieses Auflösen alter Strukturen auch einen Wandel der Lehrerrolle erfordert. Oder bleiben die Zutaten, die einen “guten“ Lehrer ausmachen, unverändert? Die Hard Skills und Soft Skills werde ich gesondert betrachten.

Hard Skills

Für die Hard Skills bedeutet das grob zusammengefasst, dass man sich sicher im Netz bewegen sollen könnte. Das gelingt nur durch eine aktive digitale Identität: Werft euch in die Fluten des WWW und erstellt Accounts in den diversen Netzwerken, produziert, konsumiert und reflektiert. Alles andere wird nicht funktionieren. Einsteigern empfehle ich hier den ichMOOC. Wer sich der Technik verschließt, macht sich das Lehrerleben nicht leichter – im Gegenteil. An dieser Stelle möchte ich auf eine erfahrene Quelle aus dem Lehrerzimmer verweisen:

In wenigen Tagen verabschiede ich einen Kollegen, der seit 1972 als Realschullehrer arbeitet. Er hat das geschafft, wonach jeder Lehrer strebt: über vierzig Jahre lang mit Herzblut zu unterrichten, dabei von allen Kollegen geschätzt und Schülern respektiert und meist auch geliebt zu werden. Ich habe ihn gefragt, ob er glaubt, dass man heute als Lehrer andere Fähigkeiten bräuchte als früher. Seine Antwort war, dass die Begegnung mit dem Schüler zählt. Das würde sich nie ändern. Trotzdem gab er zu, in den letzten Jahrzehnten sich von der Lebenswelt der Jugendlichen immer weiter entfernt zu haben. Dieser (technische) Graben entstand für ihn übrigens nicht erst mit der Erfindung des Smartphones, sondern mit der Einführung digitaler Uhren in den 70ern. Da die „aktuelle“ Technik an das Web gekoppelt ist, sorgt aus heutiger Sicht ein Verzicht darauf für eine mindestens doppelt so tiefe Kluft zwischen Pult und Klasse.

Ergänzung: Lehrer, die lauthals stolz darauf sind, kein Smartphone zu besitzen und nicht im Netz aktiv zu sein, setze ich mit Schülern gleich, die nach/vor einer Arbeit rumposaunen, nichts darauf gelernt zu haben. Und sich als Lehrer darauf auszuruhen, dass es noch nicht „von oben“ gefordert wurde, spricht meines Erachtens nicht für Mündigkeit. Zu viele Schüler surfen seit Jahren mehr oder alleine im Datenmeer. Manche wachsen daran, manche verlieren sich dabei und ertrinken. (Dieser Zustand macht mir persönlich am meisten zu schaffen.) Ich möchte nicht darauf warten, dass mir jemand sagt, dass ich dafür verantwortlich bin. (Und an alle, die hier reflexartig „Wofür soll ich noch verantwortlich sein?!“ aufschreien, zuallererst für das Wohl der Schüler.) Schüler sind auf der Suche nach Vorbildern, auch im Netz.

Soft Skills

Zukünftige Lehrer werden ein hohes Maß an Flexibilität und immerwährende Offenheit gegenüber Neuem mitbringen müssen, da sich das Was und das Wie im Web in einer ständigen Entwicklung befinden. Trello ist schon wieder out und Slack ist die Zukunft. Ich kenne Kollegen, deren Unterricht sich nach Jahrzehnten immer noch komplett auf das Wissen aus dem Studium stützt. Das wird zukünftig nicht mehr funktionieren ohne den Unterricht und die eigene Gesundheit an die Wand zu fahren.

(Nicht auf das Digitale bezogen: Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir wünschen, dass jeder Schüler in seiner Schulzeit das Gefühl erlebt, als Mensch erkannt zu werden. Hierfür wären Lehrer mit ausreichend Empathie und Zeit notwendig. Beides droht aus verschiedenen Gründen immer weniger zu existieren.)

Hardest Skill (Jenseits der Digitalisierung)

Die wohl notwendigste Änderung bezüglich der Lehrer von morgen ist die Mündigkeit. Diese kann nicht studiert werden; man muss sie erfahren und leben, um sie unterrichten zu können. Wer nicht gelernt hat, zu widersprechen, wenn es nötig ist, und sich für seine Meinung stark zu machen, kann diese Haltung auch nicht an Schüler weitergeben. Überspitzt formuliert brauchen wir Lehrer, die kontroverse und konstruktive Debatten auf allen Ebenen führen können (können = können und dürfen) und keine reinen Noten und Listen verwaltenden Sachbearbeiter und Jasager. Hierfür müssten auch die Lehrerausbildung und die Arbeitsbedingungen geändert werden.

2.) Wie müsste man dafür die Lehrerausbildung ändern?

Mozilla nennt es Web Literacy: Reading the Web, Writing the Web and Participating on the Web. Diese Befähigungen am Web teilzunehmen, gehört meiner Meinung nach an alle Hochschulen. Die Hochschulstrukturen sind zu starr und behäbig. Eigenes Denken verlangt Freiräume und Flexibilität. Wer Web Literacy umsetzen möchte, muss auf alte Hierarchien verzichten und auf mündige Studenten setzen. Transparenz, konstruktive Kritik und Partizipation müssen selbstverständlich sein – in beide Richtungen. Hochschulleiter und Dozenten, die das ermöglichen, gibt es schon. Wir brauchen mehr davon.

3.) Wie müsste man dafür die Schule/Arbeitsbedingungen ändern?

Alles, das ich als Antwort auf die zweite Frage geschrieben habe, gilt auch hier (ersetze Hochschule = Schule, Hochschulleiter = Schulleiter und Dozenten = Lehrer). Um diese neuen Strukturen umzusetzen, braucht es eine Demokratisierung der Schulen. Schulleiter benötigen sowohl die Freiheit als auch das Recht, sich ihr eigenes Kollegium/Team zusammenstellen zu können. (Es wandert nicht umsonst jährlich eine beträchtliche Zahl an Schülern an die Privatschulen.) Schulen brauchen echte Evaluation und mehr zeitliche und finanzielle Ressourcen für die eigentlichen Belange. Der Schüler und das Lernen muss wieder im Vordergrund stehen und nicht das Portfolio.

Diese Blogparade hat keine zeitliche Begrenzung. Bitte informiert, Karl, Tom oder mich, wenn ihr einen Blogbeitrag erstellt habt. Vielen Dank im Voraus.

Blogparaden-Beiträge

1.) Karl Berstein: Die Lehrer/innen-Ausbildung – eine kleine und schmerzhafte Abrechnung!

2.) Tom Mittelbach – Professionalisierung der Beziehhungsarbeit zwischen LehrerInnen und SchülerInnen.

3.) Stefanie Weber – Warum unser Bildungssystem krankt. Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4.

4.) Herr RauLehrer von morgen heute denken

5.) PaukerblogLehrer von morgen heute denken

6.) Monika HeusingerDie Rolle von Lehrenden in der Zukunft

7.) Phillipe WampflerDie Lehrkräfte von morgen heute denken

8.) Maik RieckenDie Lehrkraft von morgen

9.) Jürgen – Lehrer von morgen heute denken

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Über Dejan Mihajlovic

Ich bin Lehrer an einer Realschule in Freiburg, SMV BAG-Leiter und Fortbildner am SSA Freiburg, SMV-Beauftragter am RP Freiburg, D64-Bildungsreferent, im Vorstand des Bürgervereins Oberwiehre-Waldsee, stellvertretender Vorsitzender des Migrationen- und Migrantenbeirats der Stadt Freiburg und Vater von vier Kindern. Was soll, kann und wird Bildung heute und morgen leisten? Welche Rollen spielen dabei Partizipation und Bildungsgerechtigkeit? Diese Fragen und noch mehr treiben mich an, die Gegenwart und Zukunft unserer Gesellschaft (im Bildungsbereich) im Rahmen meiner Möglichkeiten mitzugestalten.

Diskussionen

19 Gedanken zu “Blogparade: Lehrer von morgen heute denken.

  1. Hat dies auf RemmiDemmi Circus rebloggt und kommentierte:
    Gerade gefundener Artikel mit äusserst interessanten Aspekten. Ich werde es mir heute Abend mal in vollem Umfang zu Gemüte führen. Ich weiß auch gar nicht, was ich denn für eine Meinung zum Thema Digital & Schule habe. Wird Zeit sih damit zu beschäftigen. In 4 Jahren geht die Grundschule los.

    Also ich freue mich sehr auf heute Abend! 🙂

    Verfasst von Birte | 15. Juli 2015, 9:59
  2. Weil ich selbst ausgebildete Lehrerin bin und momentan noch Dozentin in der Lehrerbildung an der Uni, habe ich mir bereits Gedanken gemacht, darum verweise ich einfach mal auf meine Reihe „Warum unser Bildungssystem krankt“ (bezogen auf Deutschstudierende)

    1. Wegen der Einstellung der Studierenden: https://gescheuchteigel.wordpress.com/2014/11/03/warum-unser-bildungssystem-krankt/

    2. Wegen der Hochschulausbildung: https://gescheuchteigel.wordpress.com/2014/11/05/warum-unser-bildungssystem-krankt-2/

    3. Wegen der Lehrerbildung und des -einstellungsverfahrens: https://gescheuchteigel.wordpress.com/2014/11/09/warum-unser-bildungssystem-krankt-3/

    4. Wegen des Einflusses der Politik: https://gescheuchteigel.wordpress.com/2014/11/11/warum-unser-bildungssystem-krankt-4/

    Lieber Gruß!

    Verfasst von stefanini | 15. Juli 2015, 21:37
    • Vielen Dank für deinen ausführlichen Beitrag! (Eine Eignungsprüfung für Lehramtsstudenten ist übrigens ein finanzielles Problem, habe ich mir mal von einem Leiter einer Hochschule sagen lassen. Es gibt pro Semster mehrere tausend Bewerber. Alle mit einem gewissen Anspruch an Qualität zu prüfen würde Unsummen kosten. Ich glaube aber, dass es das Wert wäre.)

      Verfasst von Dejan Mihajlovic | 17. Juli 2015, 21:05
      • Eignungsprüfungen gibt es ja im Grunde für Englisch u.a. Fächer auch schon. Natürlich ist es eine Sache des Geldes. Aber ich denke, wenn man den Anwärtern sagt, sie sollen zehn bestimmte Lektüren lesen und sich darauf vorbereiten, zu einer davon einen Aufsatz zu schreiben, wird man mehr als die Hälfte eh schon nach den ersten Sätzen rauskicken, weil sie einfach nicht formulieren und schreiben können – was als Deutschlehrer unerlässlich sein sollte. (Ich beziehe mich nur auf Deutsch.)

        Verfasst von stefanini | 17. Juli 2015, 21:10
      • Ich meinte Eignungsprüfungen bezüglich der Soft Skills (Lehrerpersönlichkeit). (Habe den Beitrag „Warum unser Bildungssystem krankt“ am Ende meines Artikels verlinkt. Hoffe, dass das in Ordnung ist.)

        Verfasst von Dejan Mihajlovic | 17. Juli 2015, 21:21
      • Ach so, Soft Skills. Das ist schwierig natürlich. Es gibt ja bisher nur diese Testmöglichkeit für einen selbst. Allerdings muss ich sagen: Wenn man anfangs mich „getestet“ hätte, als ich noch eigentlich kein Lehrer werden wollte, wäre der Ausgang vielleicht negativ gewesen. Ich musste erst hineinwachsen und mir meiner selbst sicher werden. Immerhin war ich mir aber stets selbst darüber im Klaren, dass ich Reifung brauchte. Und ich finde es auch nicht schlecht, wenn man als Lehrer was anderes als die Schule und ein Turbostudium im Leben gesehen hat.
        Das ist auch etwas, das meiner Meinung nach fehlt: Der Blick über den Tellerrand. Wie sollen Menschen Jugendlichen was vom Leben draußen vermitteln, wenn sie von der Anstalt in die Anstalt gegangen sind? Manchmal mag das klappen, aber ich bin froh, dass ich diesen Weg so nicht ging. (Hoffe, ich trete jetzt damit keinem zu nahe …)

        Verfasst von stefanini | 17. Juli 2015, 22:08
  3. Trello ist schon wieder vorbei, Slack die Zukunft? Welche Lehrer zieht der unflexible Lehrer daraus, der schon Trello verpasst hat? Der lehnt sich doch genüsslich zurück.

    Einen Skill, den ich für wichtig halte: Der Lehrer muss planen udn Termine verwalten können. Mich nerven die Kollegen, digital oder analog, die regelmäßig vom Notenschluss oder Abitur oder sonstwas überrascht werden. Ich weiß nicht, ob das hard oder soft ist.

    Deinen Punkt 3 unterschreibe ich ganz. Nicht unbedingt mit dem Ziel der Digitalisierung, aber sei’s drum.

    Verfasst von Herr Rau | 17. Juli 2015, 18:08
    • Ja, das stimmt. Das Trello-Beispiel steht wohl für das andere Extrem: den Lehrer, der immer das neueste Tool oder das hipste Endgerät nutzt, um keinen Trend zu verpassen. Wahrscheinlich sollte man wieder einmal die goldene Mitte anstreben, zwischen Windows 98 und iOS 8.4. Ich wollte eigentlich darauf hinaus, dass die Entwicklung von Hard- und Software, auch ohne dem Neuesten nachzueifern, enorm an Geschwindigkeit zugelegt und einen gesellschaftlichen Wandel verursacht (hat). Jugendliche lesen und schreiben heute anders; sie konsumieren kein lineares Fernsehen und leben dadurch für den „Windows-98“-Lehrer in einer Parallelwelt, zu der er keinen Zugang finden kann/wird. Wobei ich die Notwendigkeit der Flexibilität aber auch fern des Digitalen sehe, wenn ich bedenke welche Zusatzaufgaben in den letzten Jahren unserem Beruf zugeschrieben wurden.
      Die Fähigkeit Termine oder Projekte zu planen und zu organisieren halte ich ebenfalls für sehr wichtig. Lehrer, die das nicht beherrschen, können es auch nicht Schülern vermitteln. Und in der Realschule sind das spätestens ab Klasse 9 Voraussetzungen, die für einen erfolgreichen Abschluss erforderlich sind. Meinst du, dass man das im Studium erlernen bzw. das bereits in der Schule Erlernte vertiefen sollte?
      Punkt 2 und 3 habe ich (bis auf „Web Literacy“) losgelöst von der Digitalisierung geschrieben. Vielen Dank für deinen Kommentar.

      Verfasst von Dejan Mihajlovic | 17. Juli 2015, 20:33

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